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'politischer' Lebenslauf für Wolfgang Doster


'Glaube nichts, denke selbst' Albrecht Müller, Nachdenkseiten.de

Ich bin Naturwissenschaftler und kein Politiker. Durch meine Erlebnisse als Wehrpflichtiger in der Bundeswehr 1969 wurde ich zwangspolitisiert.
Fast alle meine Befürchtungen sind wahr geworden: die rigorose Kriegspolitik der Nato, die Gefährlichkeit der Kernenergie und der transatlantische Niedergang der Grünen und Linken.
Geboren bin ich in Stuttgart 1948 in einem Hospital, das von der russischen Fürstin Katharina erbaut wurde. Der württembergische Fürst hatte durch seine Frau gute Beziehungen zum zaristischen Russland. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat den Revolutionär Lenin 1917 in einem verschlossenen Zug von Zürch nach St. Petersburg (Leningrad) geschleust, um den Zar zu stürzen. Das war der Beginn der russischen Revolution dem Kaiser sei Dank!
Aufgewachsen bin ich im pietistischen Korntal bei Stuttgart, die Templer missionieren dort heute noch. Religion bleibt für mich Opium fürs Volk. Die Naturerfahrung beim Wandern und Zelten im Rahmen der Pfadfinderbewegung hat mich gegrägt. 1967/68 war ich als Wehrpflichtiger bei einer Transporteinheit in Günzburg/Leipheim stationiert, die im Rahmen der nuklearen Teilhabe die Verlagerung von US Nuklearsprengköpfen geübt hat. Wir hatten dazu dreiachsige Faun 10-Tonner mit Kran im Einsatz. Im Rahmen der Ausbildung wurden wir mit der Nato-Doktrin 'flexible response' vertraut gemacht, die auf einen konventionellen Angriff des Warschauer Pakts mit Panzern sofort mit einem nuklearen Gegenschlag antworten sollte. Deutschland würde zum atomaren Gefechtsfeld degradiert und nuklear verseucht. Diesen Verrat haben wir dem 'Nazikanzler' Adenauer zu verdanken, der dafür die Wiedervereinigung Deutschlands 1952, ein Angebot Stalins, bei Forderung der Neutralität verhindert hat. Deutschland sollte damals, wie die Ukraine heute, zur Speerspitze gegen Russland militarisiert werden. Der nukleare Holokaust ist mit dem Verteidigungsauftrag der Bundeswehr nach dem Grundgesetz nicht in Einklang bringen. Daher ich habe noch in Uniform den Kriegsdienst verweigert. Die Begründung 'atomare Zerstörung ist keine Verteidigung' wurde bei einer Gerichtsverhandlung anerkannt. Auch Habek und Özdemir sind Kriegsdienstverweigerer, aber ohne Militärdienst, Özdemir ist heute Offizier, Habeck war der erste deutsche Politiker, der schon 2021, also vor dem Krieg, Waffen für die Ukraine gefordert hat. Er wusste schon, dass die Nato den Krieg 2022 provozieren würde. Seit 1968 nehme ich an Friedensdemonstrationen teil, legendär war die Menschenkette zwischen Ulm und Stuttgart 1983, das Jahr des Fast-Atomkriegs bei der Natoübung 'Able Arger'. Die 'flexible response' ist auch heute noch zentraler Teil der Natostrategie, das macht den Ukrainekrieg trotz konventionellen Waffen so gefährlich.

Deutschland kann sich einen militärischen Konflikt gar nicht leisten: Es werden oberirdisch so viele abgebrannte Kernbrennstäbe gelagert, dass wenige konventionelle Bomben genügen würden, um Deutschland für Jahrzehnte unbewohnbar zu machen. In Büchel lagern ca 22 Atomsprengköpfe, extrem wirksame Wasserstoffbomben, 'heller als tausend Sonnen' (Prof. Dittfurt). Willi Brandt hat 1968 trotz Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ('Angriffskrieg'), weiter Friedensverhandlungen geführt, zusammen mit Egon Bahr und Willi Wimmer. Nur so konnte die deutsche Wiedervereinigung gelingen.

Ich habe nach der Bundeswehr Physik studiert wie Oskar Lafontaine und Angela Merkel. Im Unterschied zu beiden habe ich dieses Fach als Wissenschaftler und habilitierter Dozent 30 Jahre lang vertreten. Ich habe ca 150 Artikel in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften wie 'Nature' publiziert. Als Biophysiker habe ich an verschiedenen Forschungsreaktoren in Garching, Grenoble, Paris, London und Washington, gearbeitet. Ich habe internationale Vorträge gehalten, z.B. in USA, Brasilien, Japan und Taiwan. Aus meiner Erfahrung in der Bundeswehr habe ich mich sowohl gegen die energetische wie auch die militärische Nutzung der Kernenergie engagiert, das sind zwei Seiten derselben Medallie. Ich bin mit Oskar Lafontaine in die Linkspartei eingetreten und bin mit ihm wieder ausgetreten, nicht wegen ihm, aber aus ähnlichen politischen Gründen.

2018 fuhr ich mit der Bahn von Berlin nach Moskau und St. Petersburg auf einer Druschba Friedensmission mit 50 deutschen Pazifisten. Wir haben Friedhöfe, Gedenkstätten und Schlachtfelder, aber auch Kulturdenkmäler besucht. Immer noch werden deutsche und russische Soldaten des 2. Weltkriegs aus den Schlachtfeldern ausgegraben und in Soldatenfriedhöfen beerdigt. Besonders bewegend waren für mich in St. Petersburg ein russischer Friedhof mit ca 1 Million Toten durch die Hungerblockade Leningrads 1943/44 und ein Friedhof mit ca 50 000 deutschen Soldaten, der von einem russischen Priester betreut wird. Das waren alles junge Männer, die Zukunft der Nation. Krieg ist immer auch Genozid. Putin, der auch Angehörige verloren hat, hat ein dramatisches Life-Diorama des russischen Ausbruchskampfs mit Originalwaffen und individualisierten Soldatengesichtern bei St. Petersburg errichten lassen. Aussenminister Gabriel war auch dort. Nach seiner Rückkehr wurde er als Aussenminister plötzlich untragbar. Die Grünen hatten protestiert. Druschbareise 2018. Die russische Gesellschaft erschien mir offener und toleranter als die deutsche. Ich konnte unbehelligt deutsch-russische Flugblätter in der Moskauer Metro verteilen. Weder beim Wohlstand noch bei der Digitalisierung konnte ich signifikante Unterschiede feststellen. Wir wurden und werden falsch informiert. Zurück in Berlin (2018!) wurden wir auf einer genehmigten Versammlung auf der Wiese vor dem deutschen Parlament von der Polizei vertrieben, wegen der Druschba T-shirts. 2019 war ich noch einmal in St. Petersburg auf einem physikalischen Kongress für Nukleartechnik. Zu der Zeit gab es noch das gemeinsame Projekt eines Forschungsreaktors zwischen der deutschen und der russischen Regierung bei St. Petersburg.
Ich bin Pazifist, das heisst Krieg ist für mich keine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. In der Realität ist er genau das. ' Frieden schaffen ohne Waffen' bleibt ein wichtiges Ziel. Ich lehne einseitige Stellungnahmen für bestimmte Kriegsbeteiligte und einseitige Schuldzuweisungen ab. Krieg ist immer ein komplexes Konglomerat von Interessen, die eine Vorgeschichte haben. Eher halte ich es mit dem marxistischen Politologen Peter Decker: Für ihn ist der Frieden der Gewaltzustand, den der letzte Krieg hinterlassen hat. Auch in der UN Charta gibt es den vom Sicherheitsrat genehmigten Verteidigungskrieg, es gibt von der UN installierte Truppen, die auch schiessen dürfen. Wie der Staatstheoretiker Machiavelli gesagt hat: Schuld an einer bewaffneten Auseinandersetzung ist nicht, wer sie begonnen hat, sondern, wer sie unvermeidlich gemacht hat: die Verweigerung elementarer Sicherheitsinteressen Russlands durch die Nato bei der Osterweiterung ('Stärke zeigen') hat den Ukrainekrieg unvermeidlich gemacht. Wie Prof. John Mearsheimers schon 2014 diagostizierte geht es für Russland um eine existenzielle Bedrohung durch den Natobeitritt der Ukraine. Die USA haben bei der Kubakrise 1961 genauso reagiert.


by Wolfgang Doster, last changes: Dec 03, 2025